27. Februar 2025

Mit Videos zur digitalen Teilhabe

Die Projektgruppe von VOLT bei der hybriden Abschlusspräsentation in Brüssel.

Mariaberg beteiligte sich am EU-Projekt VOLT 

Der digitale Raum bietet großes Potential für die Inklusion von Menschen mit Behinderungen – wenn er unterstützend erschlossen wird und die digitale Kompetenzen von seinen Nutzerinnen und Nutzern ausgebaut werden. Der Mariaberg e.V. beteiligte sich daher an dem EU-Projekt VOLT (Video Online Learning and Training), dessen Ergebnisse zusammen mit Partnerorganisationen Anfang Februar mit einer Abschlusskonferenz vor der europäischen Kommission in Brüssel vorgestellt wurden.

Das VOLT-Projekt setzt sich für barrierefreie und inklusive digitale Lernangebote ein. Es wurden Schulungsressourcen für Fachkräfte und Lernende im Bereich der beruflichen Bildung für Menschen mit psychosozialen und kognitiven Einschränkungen entwickelt. Ziel war es, Fachkräfte der teilnehmenden Einrichtungen mit digitalen Kompetenzen auszustatten, damit sie barrierefreie Online- und Blended-Learning-Angebote gestalten können. Dabei wurde auf Videos gesetzt, um eine leicht zugängliche Lernplattform zu schaffen. Zudem sollten Menschen mit geistigen Behinderungen zwischen 18 und 35 Jahren gestärkt werden, digitale Fähigkeiten zu erlernen und aktiv an der Erstellung von Lernvideos mitzuwirken. Diese wurden unterteilt in drei Kategorien: „Lern-Videos“, in denen zum Beispiel Schritt für Schritt erklärt wird, wie man ein Glas Orangensaft presst oder ein Billard-Spiel aufbaut; „Videos zur Bewusstseinsbildung“, die für die Lebensrealität von Menschen mit Behinderungen sensibilisieren sollen; und „Showcasing Videos zu Lern- und Arbeitserfolgen“, worin die Klient*innen zum Beispiel ihre Einrichtung vorstellen konnten. Dafür wurden ein VOLT-Guide mit 11 Schritten sowie ein 5-Schritte-Toolkit in leichter Sprache mit unterstützenden Symbolen erstellt. Über 60 Pioniere haben anhand dieser Anleitungen über 100 Videos produziert.

Das Projekt wurde von der Theotokos Foundation (Athen, Griechenland) geleitet und in Zusammenarbeit mit der Europäischen Plattform für Rehabilitation (EPR) mit Sitz in Brüssel, der spanischen INTRAS Foundation, der REHAB Group aus Irland sowie dem Mariaberg e.V. umgesetzt. In der Theotokos Foundation, die Rehabilitation für junge Menschen mit geistigen Entwicklungsstörungen und Autismus-Spektrum-Störungen anbietet, entstand während der Corona-Pandemie die Idee zum Projekt, erklärte Koordinatorin Vaia Arsenopoulou: „Während wir alle zuhause waren, hatten wir nichts, was wir unseren Schülern anbieten konnten. Es gab zwar viele Tutorial-Videos auf YouTube, aber oft wurde darin zu schnell gesprochen oder die Inhalte wurden zu kompliziert dargestellt. Man muss die Zielgruppe einbeziehen, um etwas Nutzbares mit ihnen zu entwickeln.“ Dieser Aspekt des Co-Designing steht im Zentrum des Projekts, erklärte auch Eimear O’Driscoll von der Rehab Group: „Co-Design ist nicht nur ein Konzept. Es transformiert Inklusion und Lernen auf greifbare Art.“ Schüler*innen und Auszubildende seien grundsätzlich viel eher am Lernstoff interessiert, wenn sie ihn mitformen können. Die Themen für die Videos haben sie selbst ausgewählt – die Zusammenarbeit auf Augenhöhe hat sie motiviert und darin gestärkt, kreativ zu werden und sich selbst auszudrücken. Auch Problemlösefähigkeit, Teamwork und Selbstbewusstsein aller Beteiligter wurden geschult. Die Videos, in denen sie zum Teil selbst zu sehen sind und ihre Fähigkeiten teilen, können auch als Portfolio für Bewerbungen dienen: z.B. ein Koch-Tutorial von jemandem, der in der Küche arbeiten möchte und eine entsprechende Ausbildung in einem Bildungsangebot absolviert. 

Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Videoerstellung wurde von den Projektpartnern ebenfalls diskutiert: „Ich denke, mithilfe von KI können viele bereichernde Dinge entstehen“, so Eimear O’Driscoll. Bei jedem der vollzogenen Schritte, bei der Erstellung und Bearbeitung der Videos, erfolgte aber ein persönliches Wachstum bei den Teilnehmenden; von der ersten Idee, die Anklang findet und andere begeistert, zum Gefühl der Selbstwirksamkeit und Stolz auf das Endprodukt: „Der Einsatz von KI hätte davon etwas weggenommen.“ – „Außerdem stand im Herzen des Projekts das Zusammenwirken von Menschen“, ergänzte Michael Backhaus von der Fachstelle Europaprojekte beim Mariaberg e.V.. Genau dieses Co-Designing habe sich auf weitere Bereiche ihrer Einrichtung ausgewirkt und die Arbeit nachhaltig verändert, so Vaia Arsenopoulou.

Als spannend wurden auch die Unterschiede zwischen den Nationen empfunden. Die irischen Klient*innen konnten, sofern sie über 18 Jahre alt waren, so etwa selbst bestimmen, ob sie am Projekt teilnehmen und vor der Kamera auftreten wollten. In Deutschland brauchte es dazu die Zustimmung von gesetzlichen Betreuungspersonen, die teilweise den Wünschen ihrer Betreuten widersprachen. Das Bewusstsein der Selbstwirksamkeit, zum Beispiel bei der Ideensammlung für Videos, musste sich teils erst einstellen, berichtete Michael Backhaus: „Eine deutsche Teilnehmerin wusste nicht, was sie im Video zeigen will und war zunächst etwas überfordert. Sie meinte: Ich weiß nicht, wie ich das nun entscheiden soll. Aber ich will es lernen.“ Eine andere Teilnehmerin aus Mariaberg, Dana Kruse, hat im Verlauf des Projekts entdeckt, wie viel Spaß ihr das Filmen und Interviewen macht. Sie hat noch viele weitere Video-Ideen, die sie verwirklichen will.

Die Videos und Materialien sind noch mindestens fünf Jahre auf der Plattform www.voltproject.eu zu sehen, welche in Englisch, Griechisch, Spanisch und Deutsch zur Verfügung steht.